We are what is next 

Ein Text über meine Arbeit: wen portraitiere ich hier und warum eigentlich?

Play gender

Der Zeitschrift Amica liegt ein Extraheft bei: 100 Singles zum Bestellen. Ein Foto, ein Fragebogen, wer sind Sie, was suchen Sie und wie stellen Sie sich einen romantischen Abend vor? Alle Singles erwähnen Rosen und Kerzen, Abende im Restaurant und leise Musik. Kann das sein? Obwohl wir so viel Wert auf unsere Individualität legen, gibt es nur diese eine Ausdrucksform für die romantische Liebe? 

Offenbar nehmen wir das hin, so wie wir einfach akzeptieren, dass bestimmte Kleidungsstücke, Accessoires, Vorlieben und Vehaltensweisen für bestimmte Gruppen von Menschen einfach „verboten“ sind. Ein kleiner Junge, der sich unkommentiert einen Prinzessin-Lillifee-Schulranzen aussuchen darf? Eine aufstrebende Schauspielerin mit unrasierten Beinen? Ein Fußballer, der mit Nagellack zum Pokalfinale aufläuft? Undenkbar! 

Weniges scheint so wichtig zu sein wie die rigide Zweiteilung der Welt in weiblich und männlich und die damit verbundene unverrückbare Zuschreibung von Rollen und Eigenschaften, Pflichten und Möglichkeiten.

Mann oder Frau, eins von beiden muss es sein; nach der Geburt zum ersten Mal in ein Formular eingetragen und danach immer wieder abgefragt, egal, ob es darum geht, einen Reisepass zu beantragen oder bei einem Gewinnspiel für naturbelassenes Olivenöl mitzumachen. Wir fügen uns und kreuzen eine Möglichkeit an, manchmal vielleicht wie bei Optionen in simplen Psychotests: Okay, ich würde zwar nicht wirklich das gesamte Geschirr zertrümmern, aber ich wäre ECHT sauer, also Antwort B. Ich mache mir zwar nichts aus Fußball, Autos und Alkohol, aber da ich mich nur im Gesicht rasiere und der Welt einen Adamsapfel zeige, kreuze ich „Mann“ an. 

Je strikter dieses duale System aufrecht erhalten wird, desto schwieriger ist das Leben für Menschen, denen darin keinen Platz erlaubt ist: Säuglinge mit im herkömmlichen Sinne uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen zum Beispiel, Trans*personen oder Menschen, zu denen die von ihnen erwarteten Rollen nicht passen. 

Wären die Kategorien „Mann“ und „Frau“ nicht die einzigen Optionen, sondern von mir aus die Eckpunkte eines Spektrums voller Möglichkeiten, müssten wir uns nicht als entweder/oder definieren. Damit fiele auch die Zuweisung festgelegter sozialer Rollen weg, die an Geschlecht gebunden werden, und wer in Zukunft Lust auf Röcke, haarige Beine, eine Goldhamsterzucht oder das Pornfilmfestival hat: bitteschön. 

Es gibt – und gab schon immer – Menschen, die die Grenzen und Gesetze des bei der Geburt zugewiesenen Geschlechts überwinden und damit seit jeher zu den Vorreitern gesellschaftlicher Entwicklungen gehören.

Diese Menschen porträtiere ich, ganz klassisch, mit Ölfarben auf Leinwand, in einem Medium also, das lange Zeit den Königshäusern, den Päpsten, den oberen Zehntausend vorbehalten war. In mehreren stundenlangen Sitzungen im Atelier, ausschließlich nach Modell gemalt, entstehen Gemälde von repräsentativer Kraft. Sie erzählen von Ansehen, Macht, Bedeutung und Würde und beanspruchen dadurch eine gesellschaftliche Position, die den Dargestellten als gender outlaws viel zu selten zugebilligt wird. 

„We are what is next!“ sagt ein Hermaphrodit in Jeffrey Eugenides Roman „Middlesex“, und ich glaube das gern und habe vor, eine Portraitsammlung der gesellschaftlichen Avantgarde unseres neuen Jahrtausends zu schaffen.

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