9. Oscar Lomont

„Es gab drei Gründe, warum ich mich bei Minette gemeldet habe: Neugier, Eitelkeit und die Herausforderung, keine Kontrolle über das Ergebnis zu haben.

Gemütlich vor einer gepierceten Tasse mit Gewürztee sitzend, mussten Minette und ich die erste Entscheidung treffen: welche meiner Identitäten möchte ich zeigen? The dirty and real one, meine Handwerker-Seele, die Holzstaub euphorisch macht wie andere Koks, und die nie ihren Werkzeug- gegen einen Prada-Gürtel eintauschen würde? Oder meine Feiertagspersönlichkeit, der Dandy, der in Mailand shoppen geht, ausgewählte Speisen verzehrt und nur das Beste für sich will? Oder vielleicht eine meiner Nebenidentitäten: der Hip-Hop-Boy, der tuntige Cowboy, der kleine Daddy, der Italo-Gigolo?

Ich hatte das Gefühl, es gehöre zu einem gemalten Porträt, insbesondere dem ersten, dass ich in formeller Kleidung und Pose wie ein Edelmann dargestellt werde (damit ich das Bild über meinen Kamin hängen kann!). Und Minette war sofort von meinem Mantel, der Reithose und meinen Stiefeln begeistert. Damit also hatte der Dandy gewonnen. Die zweite Entscheidung war: mit oder ohne Bart? Wenn ich „rasiert“ wäre, könnten mich die Leute nicht - zumindest nicht sofort – der Kategorie „weiblich“ oder „männlich“ zuordnen. Das wäre eigentlich spannender für ein Genderprojekt. Auf der anderen Seite sah ich mit Bart einfach sexyer aus und das nicht wegen dem Bart an sich, sondern weil er meine Selbstwahrnehmung auf eine Weise veränderte, die sich durch einen eindringlicheren Blick ausdrückte. Den Sieg hat schließlich der Eitle davongetragen.

Meine Reaktion auf das fertige Bild: Ich kann mich darin wiedererkennen und gleichzeitig überhaupt nicht. Davon abgesehen spürte ich ein leichtes Unbehagen, das schon vor dem Malen des Bildes aufgetreten war. Damals nämlich war ganz plötzlich und ohne einen erkennbaren Zusammenhang der Name „Dorian Gray“ in meinem Kopf aufgetaucht. Vielleicht hat das in dem Porträt einen sichtbaren Ausdruck gefunden, denn eine Freundin von mir äußerte spontan, dass mein Gesicht eine Mischung aus diabolisch und traurig sei. Der Hintergrund war für mich zuerst gewöhnungsbedürftig – ich hatte etwas ganz anderes erwartet! Aber was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch aussah, ergab für mich schließlich einen Sinn: wie zerrissene, kindliche und manchmal kitschige Träume durchbrechen die rosafarbenen Wolkenfetzen das Bild des selbstbeherrschten Über-Ichs mit seiner stolzen Haltung und der repräsentativen Kleidung.

Ja, es stimmt: Ich bin ein Luftschlossbesitzer. “

Lo/ James/ Oscar
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