5. Die Philosophin

Die Philosophin, 2003, 100 x 100, Öl/Leinwand
Die  Philosophin hat einen Text zum Porträt geschrieben:
Über Identität, Begehrenslogik und lesbische MaskulinitätDas Porträt bringt wunderbar meine philosophische Existenz zum Ausdruck, die ein wichtiger Bestandteil meiner Identität ist. Und männliche/weibliche Queer- Identitäten abseits vom Mainstream darzustellen ist schließlich das gemeinsame Anliegen gewesen. Meinen Dank an die Künstlerin!

Es war übrigens eine spannende Erfahrung, Modell zu stehen – ja, ich stand tatsächlich oben auf einer Leiter (noch dazu recht unbequem!), was man auf dem Bild jedoch überhaupt nicht sieht.

Wenn man die Malerei mit der Fotografie vergleicht, so kann ich sagen, daß erstere den besseren Spiegel liefert. Ein Foto fängt lediglich auf technischem Wege einen Teil der Oberfläche und vielleicht noch einen Bruchteil an Tiefe in einem winzigen Moment ein. Ein Gemälde hingegen geht langsam in die Tiefe und holt etwas au mir hervor, das authentisch ist, das zu meinem Wesen gehört und sich auf der Oberfläche wiederfindet, was nicht der Laune eines Moments entspringt oder als Pose einstudiert worden war. Den Prozess selbst habe ich jedoch eher als narzisstische Irritation empfunden, denn man kann sich weder im Spiegel noch im gänzlich kommunikationslosen Blick der Malerin überprüfen und sich seiner Ausstrahlung vergewissern – man ist ganz „Objekt“, aber zugleich auch völlig man selbst, in sich ruhend, authentisch. Was macht Identität eigentlich aus?

In Zeiten der Subjekt- und Geschlechtsidentitätsdekonstruktionsdebatten à la Judith Butler, die außer Denkverboten und „Schubladen“- Phobien nichts weiter zu bieten haben und mir furchtbar auf die Nerven gehen (schon seit ihrem US- Import vor 15 Jahren!), ist es wichtiger denn je, sich einer klaren Identität bewusst zu sein und diese auch auszustrahlen und zu kommunizieren. Und das ist sehr wohl möglich, was ich am Beispiel meiner Identität zeigen kann:

Mein anatomisches Geschlecht ist eindeutigst weiblich, ich bin als Mädchen zur Welt gekommen und hatte auch nie ein Problem damit.
Mein Charakter ist geschlechtlich universell, sowohl „weiblich“ als auch „männlich“, wenn man Eigenschaften wie Empfindsamkeit und Passivität als traditionell weibliche, sowie sexuelle Triebhaftigkeit und Geist als traditionell männliche Vermögen ansieht. (Übrigens meint der vielzitierte und stets missverstandene Satz von Simone de Beauvoir – „Man wird nicht als Frau geboren, sondern zur Frau gemacht.“ – genau diesen Geschlechtscharakter und nicht etwa die geschlechtliche Anatomie!)
Meine Sexualität ist 100%ig lesbisch, auch von Anfang an, und ich selber hatte auch noch nie ein Problem damit.

Meine Gestalt, Optik, Ästhetik ist androgyn mit einem maskulinen Touch, den ich bewusst pflege. Mein Begehren ist absolut homo- sexuell, d. h. ich begehre sexuell das Gleiche, nicht das Andere.
Ich unterscheide deshalb zwischen Sexualität und Begehren, weil ich immer wieder feststellen muss, daß unglaublich viele Lesben eigentlich einer heterosexuellen Begehrenslogik folgen.

Das heisst: Gerade Lesben, die so aussehen wie ich, also androgyn bis maskulin sind, stellen sich fast immer in die Macker- Ecke und begehren nur die Frauen, die auf jeden Fall femininer als sie selbst aussehen, statt ihr Spiegelbild zu begehren.
Es wird also ein geschlechtlicher Unterschied eingeführt, der in meinen Augen heterosexuell und nicht lesbisch ist! (Nebenbei gesagt: Schwule haben sich längst vom Schema Tunte/ Kerl emanzipiert, Lesben sind da noch hinterm Mond.)
Auch Drag- Kings, die die allseits verpönte lesbische Maskulinität progressiv darzustellen versuchen – und die ich deshalb sexy finde, nicht als „Männer“, sondern als Butches -, potenzieren in Wahrheit nur das Hetero- Muster, statt ein eher schwules Begehren untereinander zu leben. Schade. Denn ein Bart steht mir zwar sehr gut (und Lack und Leder auch!), doch mit dem bierernsten, flachbrüstigen Hetero- Macker- Gehabe der Kings und ihrem konsequenten Gang auf’s Herrenklo habe ich nichts gemeinsam.

Kirsten John

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